Zur Abwechslung ma bissel was off Sächsch

Lene Voigt

Wilhelm Dell
oder
Bolidik un Familche


I.

Dr Dell, das wär a mutcher Mann,
Da gam so bald gee andrer dran.
Schon eißerlich gonnt mr das schaun:
Sei Vollbart war dr Schwarm dr Fraun.
Un von sein Muskeln, von sein Gnochen
Ward weit un breit im Land geschbrochen.
In jeden Schweizer Durnverein
Da lud mr Delln als Mitgleid ein. -
Mal gamr an ä See vorbei,
Von dort gabs Lärm un Wehgeschrei.
"Was is denn das fier ä Gebrille?"
So fragte Dell. Da warn se schtille.
"Nu los, sagt an, was hats gegähm?"
"Ach", meente eener, "um mei Lähm
Gehts hier. Ich bin vom Feind verfolcht
Un werd' noch heite ahmd erdolcht,
Wenn nicht dr Fischer mit sein Gahn
Mich rättet durch de Wassbahn.
Der awer färcht' sich vorm Gewitter.
Ja ja, mei Dell, mei Los is bitter."
"Där Feichling", schimpfte Dell embeert,
"Das is doch wärklich unerheert!
Gleich machste flott jetzt deine Wanne
Un bringts de Rättung hier däm Manne!"
Dr Fischer gratzte sich dn Schädel:
"Ich hab ä Weib, fimf Jungs, acht Mädel.
Wer dreizn Ginder hat gezeicht,
Risgiert sei Lähm ähmd nich so leicht."
"Herrjeh", schrie dr Verfolchte da,
"Dr Feind rickt schon ganz forchtbar nah!"
Druff rief dr Dell: "De Gondel här!
Hubb' nei, Genosse, bläk' nich mähr!"
Un fäste zog där wackre Mann
Mit voller Graft de Ruder an.
Dr Schtormwind fäächte vorm Gebärche,
's war ä gefährliches Gewärche.
Doch Dell rief laut: "Drotzalledäm!"
Un fuhr drvon uff Dod un Lähm.
Gaum war de Gondel fortgelänkt,
Da gam'n de Reider angeschbränkt.
"Wo is der Lumich? Gäbtn raus!
Bei wäm vergroch'r sich ins Haus?"
"Bei gar geen", feixten die am See,
"Dort fährt'r in ä Gahn, juchhe!"
"Hah", brillten de gefobbten Reider,
"Där Gärl is futsch, mer genn nich weider!
Doch wartet nur, ihr frechen Brieder,
Jetz haum mr eier Viehzeich nieder!"
Un mit entsätzlicher Gebärde
Gings iber jede Hammelhärde.

II.

Mr fragt sich nu, wie's meechlich war,
Dass so'ne wilde Reiderschar
Wie de Verrickten gonnte wieden.
('s war doch geene Griech nich, 's war doch Frieden.)
Das gam dahär, weil ibersch Land,
Vom Gaiser sälwer abgesandt;
Ä grimmscher Vogt jetzt härrschen wollte,
Där Dag un Nacht de Oochen rollte
Vor Falschheet un vor Dirannei.
Där meente: "Was? De Schweiz is frei?
Das woll'n mr ärscht mal sähn, haha!
Baßt uff, jetzt is dr Gäßler da!
Un uff sei Färde schbränktr rum
Gliech mitten nein ins Bubligum.
Gee Mensch war seines Lähms mähr froh.
Mt schbrach: "Das geht nich weiter so."
Embeerung schweelte drin im Volke
Wie änne schwarze Wätterwolke.
Flugblätter liefen schtill un schtumm
In Heisern un in Hitten rum.
Drin schtand geschriem, dass in dr Nacht
Ohm uffn Riddli wärd gemacht
Ä Schwur fiersch deire Vaterland.
Von allen Seiten gam'n gerannt
De Männer mit dr Daschenlambe.
Das war ä Graxeln un Geschtambe.
Sogar dr Baster lief mit ran.
(Das is doch nätt von so ä Mann.)
Zum Schwure räckten sich de Hände,
Dass bald de Dirannei s zu Ende.
Se wollten gämpfen wie de Ochsen
Un alle Feinde niederboxen.
Dr Baster meente: "Wenn ich ooch
Soll friedlich sin als Deolooch,
Hier backt mivh awer doch de Wut,
Ich riehre mit in Gäßlersch Blut!"
Dr Mond sank  ängstlich ibern See
Un dachte: "Jetzt wärd's ernst, herrjeh."

III.

Dr Dell war nich mit ruffgestiechen
Zum Riddli, weil_r gee Vergniechen
Gonnt finden an 'ner Ratsversammlung.
"Doch", meent'r, "wenn'r zur Berammlung
Micht gennt gebrauchen, zählt uff mich.
Vor Daden drickt sich Wilhelm nich."
De Häddwich, seine Gattin, freilich
Fand von den andern das abscheilich,
Dass schtets ihr Mann ward hingestellt,
Da wo's am schlimmsten is im Feld.
"Ja", schbrach se, " 's fobbt mich ungeheier,
Dass de Gastanchen ausn Feier
Du immer mußt fier andre holn."
Doch Dell rief. "Heere off zu gohln.
De gennst mich ja, weeßt, wie ich bin:
De Gamflust schteckt nu eenmal drin.
Das sin so angeborne Sachen,
Dageechen gann gee Mänsch nischt machen."
De Häddwich gab sich nich zufrieden:
"Dei armes weib, das gommt hernieden
Aus Forcht und Schräck gar nich mähr raus.
Gaum dass de fort bist ausn Haus,
Da siehtmr schon im Geiste wieder,
Wie de Gefahr schtärzt uff dich nieder.
Dich läßt nadierlich das ganz galt,
wie unsereen de Angst umgrallt."
"Ach Häddwich", meente da dr Dell,
"De hast a schwäres Nadurell!
Ä Gärl von meiner Muskelgraft
Wärd nich so rasch vom Dod errafft.
Bis ruhig, riehr' de Haferflocken,
Un laß mich jetzt nach Altdorf socken."
"Meinswächen loofe", schbrach de Delln,
"Geh hin bei deine Schbießgeselln."
Da schbrang dr gleene Walder här:
"Babba, mir baßt das ooch nich mähr,
Dn ganzen Dag drheeme sitzen!
Därf'ch mit bei'n Großevader flitzen?"
"Gewiß, mei Gind!" Doch Hädwich grollte,
Weil se da eechentlich noch wollte.
Se nahm ihrn Jingsten an de Brust.
Das war doch ihre eenzche Lust.

IV.

Dr Gäßler hatte in dr Nacht
Sich äwas Zacksches ausgedacht:
Ä alten Schiebel nahmr här
(So een drägt heit gee Mänsch nich mähr),
Dän ließr uff 'ne Schtange schbießen,
Um wär vorbeigam, mußtn grießen.
Nadierlich daden under Lachen
De Schweizer lieber'n Umwäch machen,
Als dasse vor dem Ding sich beichten
Un Gäßler etwa Achtung zeichten.
Bloß Leite, die friehmorchens raus
Gam'n ausn Obdachlosenhaus,
Die schwänkten ihre Fackermitzen
un dienerten mit faulen Witzen.
Dän beeden Sibos unterm Hut
Schtiech allemal zum Gobbe 's Blut.
Se fiehlten sich doddal vergnackt
Un hätten lieber eingebackt.
Da gam dr Dell mit Walder an.
Die dachten ieberhaupt nich dran,
Dän Bibbi bloß mal anzugucken,
Geschweiche denn sich vor'm zu ducken.
"Halt!" rief där eene Sibo aus,
"Aus eirer Reise wärd nischt draus!
De wärscht verhaftet jetzt, mei Dell,
Nu weeß ich's, dass de ä Rebell!"
Dr gleene Walder bläkte sähr,
Druff rannten viele Leite her.
Un dorch dän Lärm un das Geschrei
Gam ooch dr Gäßler sälbst herbei.
Där grinzte s rächt sauersieße,
Als 'r dn Dell sahk uff dr Wiese.
"Ei, ei", schbrach dr Dirannenhund,
"De bist wohl im Verschweererbund,
Dass de verweicherst dn Reschbekt
Vorm Schiebel, dän ich uffgeschteckt?
Doch weil de so ä guter Schitze,
Mach' jetzt dir deine Gunst zunitze
Un schieß' ohn' Zittern un Gezabbel
Von deines Sohnes Gobb ä Abbel!
Gelingt dir das, dann biste frei.
Nu los, frisch uff zur Schießerei!"
De Leite wurden blaß un bleich.
"Das bringt mei guter Babbe gleich!"
Rief Walder in sein Gindergloom
Un schtellte froh sich untern Boom.
Un wärklich - geener hätt's gedacht -
Hat Dell das Gunstschtick fertchgebracht.

V.

Nu wolltr weiter mit sein Ginde.
Da mennte Gäßler: "Dell, ich finde,
De hattest nach was andres vor,
Wenn deine Hand ihr Ziel verlor.
Warum denn griffste so in Eile
Noch heimlich nach ä zweeten Feile?"
Da guckte unser mutcher Mann
Dn Landvogt mit ä Blicke an,
Dass däm vor Schräck den Beene bäbten
Un uff sein Gobb de Haare gläbten.
"De hast mei Lähm gesichert mir,
Drum sag' ich offen jetzt zu dir:
Wenn ich verfählte de Renätte
Un gar mei Gind getroffem hätte,
Dann hätt'ch mit märderischer Hand
Dn Dod dir in dn Balch gesandt!"
Druff schbrach dr Gäßler, ganz in Schweeß:
"Wie gut, mei Dell, dass ich das weeß.
Damit ich vor dir sicher bin,
Schbärrn wir dich nu ins Gittchen rin!"
Dann winktr seine Gnechte ran,
Die binden dell, dän braven Mann,
Un ham'n dann galt un ungeriehrt
Nein in ä Schtächgahn dransbortiert.
Dr Landvogt hubbte mit an Bord,
So fuhrnse nach dr Fästung fort.
Doch unterwächens gam ä Schtorm.
De Wälln, die schlugen ganz enorm
Ans Fahrzeich ran, das schwach bloß drotzte
Noch däm Gewärche. Gäßler gotzte.
Da meente Garl, dr Schteeiermann
"Mir gommt als Leichen alle an,
 Wenn nich dr Dell wärd losgeschnallt
Un rättet uns mit Graftgewalt."
Dr Vogt befahl, dass mr'n befreie,
Dann ibergab'r sich uffs neie.
Un Wilhelm dell mit Muskelschtoß
Fuhr nach ä Fälsenschtickchen los,
Das ausn See fidel un froh
Rausragte wie so ä Bladoh.
Nuss schwangr sich im Riesenschritt,
Dr Gahn begam a mächtchen Dritt,
Drieb schunkelnd weiter uffn Wasser,
Un Gäßler worde immer blasser.
Bei Bronnen hamse notgelandet,
sonst wärnse färchterlich geschrandet.
Gaum war dr Landvogt im Gefilde,
Da wurd'r ganz verrickt un wilde,
Schwor Rache Delln mit grimmcher Miene
Un schbrach von änner blutchen Siehne.

VI.

Doch unser Dell, där wußte schon,
Was uff die Dad schteht fier ä Lohn.
Un hat de Armbrust umgeschnallt,
"So", schbrachr, "jetzt mach'ch Gäßler galt."
Frau Hädwdwich heilte hinter här:
"Ach Mann, was is mei Lähm bloß schwär!"
Wenn du doch endlich drädst zurick
Von där verwinschten Bolidik!
Mir bibbern färmlich alle Glieder,
Was soll'ch denn machen, wennse weider
Zur Haussuchung bei mich ran loofen?"
"Verschteckt's Bardeibuch hinterm Ofen",
So meente Dell, "un bis nich bange,
Mei addenat währt ja nich lange.
Ich dräffe gleich beim ärschten Feile,
Dann sock'ch reduhr in Windeseile."
Beruhigt sagte da de Delln:
"Da gann'ch de Rolle noch beschtelln
Fier heite ahmd." Dr Dell schbrach: "Scheen,
Ich währsche nachn Mord schon dreh."

Bei Gißnacht uffn Hohlwäch dann
Da schtellte sich dr Schitze an.
Und wie dr Landvogt uff sein Färde
Gam angeridden mit'der Härde
Von hibschen Mädchen un Vasalln,
Dad Wilhelm Dell sein Feil angnalln.
Zum Härzen zuckte Gäßlers Fode,
Druff rutschtr hin, gebackt vom Dode.
Sei letzte Wort war: "Dell, du Schwein!"
Dann fiel dr Leiche nischt mähr ein.